Nähe statt
Perfektion
Wie wir einander begegnen –
Geschichten und Forschung über Dating und Verbundenheit
Nähe statt
Perfektion
Wie wir einander begegnen –
Geschichten und Forschung über Dating und Verbundenheit
Nähe statt Perfektion. Wie wir einander begegnen – Geschichten und Forschung über Dating und Verbundenheit
© 2026 Helena Spindler
1. Auflage 2026
Herausgegeben von der Eventkistl KG
Slow Dating Events Vienna · slowdatingevents.at
Finanziert durch Fördermittel der FFG im Rahmen des Projekts „Deep Impact“.
Die nicht gewählte Alternative hat dabei einen gewissen unfairen Vorteil: Sie muss sich nie als wirklicher Mensch erweisen.
Warum Kennenlernen
heute so anstrengend ist
Meine erste Erfahrung mit Dating-Apps liegt inzwischen ungefähr zehn Jahre zurück. Ich war frisch getrennt, nach einer siebenjährigen Beziehung. Wobei ich damals, wenn mich jemand nach der Dauer fragte, fast immer „knapp acht Jahre“ sagte. Ich hasste das Klischee vom verflixten siebten Jahr.
Relativ kurz nach der Trennung saß ich auf einer Geburtstagsfeier mit der engsten Freund:innengruppe meines Ex‘. Er selbst war nicht dabei. Die meisten dort waren seit Jahren in Beziehungen. Und ich glaube, viele kennen dieses Phänomen: Wenn man selbst vergeben ist, lebt man das Singleleben ein kleines bisschen über die Singlefreund:innen mit. Man fiebert bei Nachrichten mit, beurteilt neue Bekanntschaften anhand erschreckend weniger Informationen und entwickelt zu Personen, die man nie getroffen hat, erstaunlich klare Meinungen.
Irgendwann kam Tinder auf. Ich hatte die App gerade erst und hatte sie auch noch nicht so richtig ausprobiert. Innerhalb kürzester Zeit war mein Handy jedenfalls nicht mehr wirklich mein Handy. Es wanderte durch die Runde, und ungefähr zehn Menschen entdeckten gleichzeitig, wie unterhaltsam es sein kann, fremde Männer anhand weniger Fotos und ein paar Zeilen Text zu beurteilen. Dass sie nicht nur schauten, sondern auch nach rechts gewischt wurde, ist mir zuerst gar nicht aufgefallen. Gemerkt habe ich es erst, als die ersten Nachrichten kamen und laut vorgelesen wurden. Ab diesem Moment hatte die Sache eine gewisse Eigendynamik. Es wurden Spitznamen vergeben, Profile kommentiert und Antworten formuliert. Manche Bewertungen waren erstaunlich differenziert, andere verdankten ihre „Qualität“ vermutlich eher der fortgeschrittenen Uhrzeit und dem Alkoholpegel. Insgesamt hat uns das sicher ein, zwei Stunden beschäftigt.
Dann kam der Moment, in dem ein Treffen ausgemacht wurde.
Und wir sind gemeinsam hingegangen.
Zu ihrer Ehrenrettung muss man sagen: Sie hatten sich angekündigt. Der Mann wusste also, dass aus dem klassischen Zweier-Date eine kleine Delegation werden würde. Ganz allein kam er allerdings auch nicht, sondern brachte selbst jemanden mit. Anfangs war das durchaus lustig, nach einer Weile wurde die ganze Konstellation aber einfach ein bisschen merkwürdig. Aus dem Tinder-Date war jedenfalls ziemlich schnell etwas ganz anderes geworden, als die App ursprünglich vorgesehen hatte.
Gemeinsames Swipen kann jedenfalls erstaunlich verbindend sein. Und vielleicht ist ein zweites Paar Augen (zumindest in kleinerer Runde und mit etwas weniger Alkohol) tatsächlich gar
keine so schlechte Ergänzung. Außenstehende sehen manchmal Dinge, die uns selbst entgehen. Und offenbar braucht es nicht einmal besondere Menschenkenntnis, um dabei etwas Wesentliches zu erfassen. Robert Waldinger und Kolleg:innen ließen ungeschulte Beobachter:innen die Interaktionen von 47 Paaren einschätzen. Allein aus ihren Einschätzungen von Empathie, Zuneigung, Belastung und Feindseligkeit ließ sich mit einer Trefferquote von über 80 Prozent bestimmen, welche Paare knapp fünf Jahre später noch zusammen waren und welche sich getrennt hatten.1 Natürlich ist das etwas anderes, als Freund:innen über Tinder-Profile abstimmen zu lassen. Aber es ist ein schöner Hinweis darauf, dass der Blick von außen manchmal erstaunlich viel mitbekommt.
Im normalen Dating-App-Alltag gibt es diesen Blick von außen nicht. Die meiste Zeit sitzen eben nicht zehn Menschen um ein Handy und verhandeln gemeinsam, wer interessant genug für ein Like ist. Man sitzt allein. In der Straßenbahn, auf dem Sofa, abends im Bett. Man wischt ein paar Minuten, dann vielleicht noch ein paar. Und irgendwann kommt dieses Geräusch.
Match.
Es ist eigentlich erstaunlich, wie schnell ein so kleines Signal Bedeutung bekommt. Zwei Menschen haben einander auf einem Bildschirm nicht aussortiert. Mehr ist streng genommen noch nicht passiert. Trotzdem fühlt es sich gut an. Jemand, den ich interessant genug fand, fand offenbar auch mich interessant genug.
Und natürlich lernt man sehr schnell, auf dieses Geräusch zu reagieren. Eine winzige Bestätigung, eingepackt in einen Ton und eine Animation. Und wenn sie ausbleibt, passiert zunächst nichts Dramatisches. Beim Online-Dating sind viele der kleinen Zurückweisungen gar keine richtigen Ereignisse. Es gibt nicht unbedingt ein Gespräch, in dem man offen zurückgewiesen wird. Oft gibt es einfach kein Match. Keine Antwort. Ein Gespräch hört irgendwann auf. Jemand verschwindet aus dem Chat. Oder eine Person, mit der es eigentlich nett war, schreibt danach, dass der berühmte Funke gefehlt habe. Jedes einzelne dieser Dinge ist leicht erklärbar. Menschen interessieren sich eben nicht automatisch füreinander. Man selbst interessiert sich ja auch nicht für jede Person. Und trotzdem summieren sich diese kleinen Erfahrungen.
Parallel dazu wird man mit jedem weiteren Swipe geübter darin, selbst auszusortieren. Am Anfang schaut man vielleicht noch mit echter Neugier auf jedes Profil. Mit der Zeit schärft sich der Blick – und plötzlich werden Dinge wichtig, von denen man vorher nicht einmal wusste, dass sie überhaupt eine Rolle spielen. Eine bestimmte Art von Foto. Ein Satz, der ein wenig zu bemüht klingt. Ein Hobby, das sich seltsam inszeniert anfühlt. Man entwickelt überraschend klare Vorbehalte gegen Menschen, die „Genussmensch“ in ihre Bio schreiben, ohne je beschlossen zu haben, dass das ein Ausschlusskriterium sein soll. Und manchmal reicht genau so ein kleiner Eindruck, damit man schon beim nächsten Menschen ist.
Das ist nicht einmal besonders irrational. Wenn sehr viele Menschen zur Auswahl stehen, muss man irgendwie reduzieren. Je größer die Auswahl wird, desto stärker verlagert sich der Blick darauf, was nicht passt. So entsteht ein seltsamer Widerspruch.
Es gibt sehr viele Möglichkeiten, aber nur wenige Menschen, die sich wirklich interessant anfühlen. Genau das war auch in unserer Befragung die größte berichtete Schwierigkeit: Überhaupt jemanden zu finden, an dem man selbst interessiert ist (Auf einer siebenstufigen Skala lag der Mittelwert bei 5,52).2 Und das in einer Zeit, in der theoretisch so viele Menschen erreichbar sind wie nie zuvor.
Vielleicht liegt genau darin der entscheidende Punkt. Mehr Auswahl löst das Problem nicht automatisch, sondern verändert die Art, wie wir auswählen. Aus der Suche nach einer passenden Person wird zunehmend die Frage, ob genau diese Person interessant genug ist. Und dieselbe Prüfung läuft auf der anderen Seite gegen uns.
Das einzelne Nein bleibt dabei meist unspektakulär. Kein Match, keine Antwort, kein zweites Date. Erst in der Wiederholung beginnt daraus etwas zu entstehen, das sich wie ein Muster anfühlt. Und weil der einzige konstante Faktor all dieser Begegnungen man selbst ist, landet die Erklärung irgendwann schnell bei der eigenen Person und es steht die Frage im Raum:
„Was stimmt eigentlich nicht mit mir?“
Das Erstaunliche ist, wie schnell sich dieser Blick auf die eigene Person verselbstständigen kann. Plötzlich steht nicht mehr nur ein ausbleibendes Match oder ein mittelmäßiges Date zur Debatte, sondern gleich das eigene Bindungsverhalten. Für einige Stunden scheint eine unbeantwortete Nachricht eine erstaunlich plausible Erklärung dafür zu liefern, warum es seit Jahren nicht funktioniert. Man kann sich vorher durchaus für einen reflektierten, interessanten und im Großen und Ganzen liebenswerten Menschen gehalten haben. Ein wenig ausbleibende Resonanz genügt manchmal, und plötzlich wird die gesamte Beweislage neu sortiert.
„Wenn jemand nicht zurückschreibt, weiß ich rational, dass das tausend Gründe haben kann. Emotional lande ich trotzdem ziemlich schnell bei mir.“
Veronika · während unserer Befragung
Diese Verschiebung von der Situation zur eigenen Person ist für das Erleben von Dating zentral. Eine ausbleibende Antwort, ein versandeter Kontakt oder ein fehlendes zweites Date sagen zunächst wenig darüber aus, warum sich jemand gegen eine Fortsetzung entschieden hat. Dennoch werden solche Erfahrungen leicht als Rückmeldung über die eigene Attraktivität, das eigene Verhalten oder den eigenen Beziehungswert interpretiert. Aus situativer Zurückweisung kann so Scham werden: Nicht nur eine konkrete Begegnung ist gescheitert, sondern das Selbst gerät in den Verdacht, nicht interessant, begehrenswert oder liebenswert genug zu sein. Gerade weil die Gründe für viele Datingentscheidungen unsichtbar bleiben, lohnt sich deshalb der Blick
auf die Bedingungen, unter denen diese Bewertungen überhaupt zustande kommen.
Bewertung vor Begegnung
Datingprofile lösen ein ziemlich praktisches Problem. Wenn theoretisch sehr viele Menschen infrage kommen, kann man nicht alle kennenlernen. Also braucht es eine Vorauswahl. Profile stellen dafür einige Informationen bereit, die schnell erfassbar und gut vergleichbar sind. Fotos, Alter, Wohnort, Beruf, Körpergröße, Interessen. Im Forschungsprojekt haben wir dafür den Begriff „Bewertung vor Begegnung“ verwendet. Auch außerhalb digitaler Räume begegnen wir einander selbstverständlich nie vollkommen voraussetzungslos. Wir haben Präferenzen, Erfahrungen und Vorstellungen davon, wen wir attraktiv finden. Der Unterschied liegt weniger darin, dass bewertet wird, sondern darin, wann und auf welcher Informationsgrundlage. In profilbasierten Formaten beginnt ein Teil des Urteils, bevor zwei Menschen überhaupt erlebt haben, wie sie miteinander sind. Dadurch bekommen jene Merkmale einen Vorsprung, die sofort sichtbar und leicht einzuordnen sind – und entscheiden mit darüber, ob Eigenschaften, die sich erst im tatsächlichen Kontakt zeigen, überhaupt noch zum Tragen kommen.
Manche Merkmale bekommen dadurch plötzlich ein Gewicht, das sie im direkten Kennenlernen vielleicht nie hätten. Körpergröße war für mich dafür schon bei meinen ersten Erfahrungen mit Tinder ein fast komisches Beispiel. Manche Männer schrieben als gesamte Beschreibung tatsächlich nur „1,85 m“. Ich fand das faszinierend. Da hatte ein Mensch mehrere Jahrzehnte Persönlichkeit angesammelt und entschied sich für seine digitale
Kurzfassung offenbar für eine einzige metrische Angabe. Allerdings war diese Selbstbeschreibung offensichtlich nicht vollkommen absurd. Sie funktionierte innerhalb einer Umgebung, in der genau solche Merkmale schnell gelesen und verglichen werden können. Das heißt nicht, dass Dating-Apps die Bedeutung von Körpergröße erfunden hätten. Aber sie können Eigenschaften aus ihrem Zusammenhang lösen. Bei einer Begegnung nehmen wir Größe zusammen mit Bewegung, Stimme, Gesichtsausdruck, Humor und Verhalten wahr. Im Profil wird daraus plötzlich eine Zahl. Und eine Zahl lässt sich besonders leicht in ein Raster einordnen. Genau darin liegt eine interessante Wirkung der technischen Form. Sie schreibt uns nicht vor, was wir attraktiv finden sollen. Aber sie entscheidet mit darüber, welche Eigenschaften besonders leicht verfügbar sind. Alter lässt sich filtern. Entfernung lässt sich berechnen. Körpergröße passt in eine Zahl. Fotos lassen sich innerhalb weniger Sekunden erfassen. Schwieriger wird es bei Eigenschaften, die erst entstehen, wenn zwei Menschen tatsächlich miteinander zu tun haben. Wie aufmerksam jemand zuhört. Wie großzügig jemand mit anderen umgeht. Ob Humor zwischen zwei Menschen funktioniert oder ob sich ein Gespräch nach zwanzig Minuten plötzlich leicht anfühlt. Genau darin liegt eine der stilleren Verschiebungen des digitalen Kennenlernens. Was sich leicht darstellen und vergleichen lässt, bekommt früh Gewicht. Was Erfahrung, Kontext oder ein wenig Zeit braucht, kommt später.
Hinzu kommt, dass die nächste Möglichkeit in digitalen Datingumgebungen nie besonders weit entfernt ist. Pronk und Denissen untersuchten in drei Studien, was diese fortlaufende Auswahl mit unseren Entscheidungen macht, und sprechen von einem „Rejection Mind-Set“.3 Über ihre Studien hinweg sank die
Wahrscheinlichkeit, ein Profil anzunehmen, von der ersten bis zur letzten gezeigten Option im Durchschnitt um 27 Prozent. Je länger der Auswahlprozess dauerte, desto unwahrscheinlicher wurde eine Zustimmung. Die Menschen wurden im Verlauf also immer selektiver durch die größere Auswahl. In zusätzlichen Analysen hing das nächste Nein stark mit den bereits ausgesprochenen Neins zusammen. Wer schon viele Personen abgelehnt hatte, sagte mit größerer Wahrscheinlichkeit auch beim nächsten Profil wieder Nein. Weil beide Größen statistisch eng miteinander verwoben sind, interpretieren Pronk und Denissen diesen Befund selbst vorsichtig. Im Verlauf zeigte sich außerdem, dass nicht nur die Zufriedenheit mit den Profilen sank, sondern auch das Gefühl überhaupt selbst erfolgreich zu sein.
Austauschbarkeit lässt sich vor diesem Hintergrund weniger als bewusste Geringschätzung anderer Menschen verstehen, denn als Eigenschaft des Entscheidungsraums. Man muss gar nicht aktiv glauben, dass irgendwo noch jemand Besseres wartet. Es genügt, sich an eine Umgebung zu gewöhnen, in der Weitergehen jederzeit möglich ist. Auch eine gute Begegnung existiert dann neben all den Begegnungen, die man stattdessen noch haben könnte. Die nicht gewählte Alternative hat dabei einen
gewissen unfairen Vorteil: Sie muss sich nie als wirklicher Mensch erweisen.
Der Rahmen ist nicht für alle gleich
Dating findet innerhalb gesellschaftlicher Kategorien statt, die nicht an der Tür eines Cafés oder am Rand eines Datingprofils verschwinden. Alter, Hautfarbe, Herkunft, körperliche Merkmale oder Behinderung können beeinflussen, wie früh jemand aussortiert wird, welche Zuschreibungen eine Begegnung begleiten und welche Risiken eine Person überhaupt mitdenken muss. Je stärker Auswahl auf wenige schnell sichtbare Informationen verdichtet wird, desto leichter können bereits bestehende soziale Stereotype in individuelle Entscheidungen eingehen.
Wie unterschiedlich sich solche Rahmenbedingungen anfühlen, wurde in unseren Interviews bei einer sehr einfachen, offen gestellten Frage deutlich. Wir wollten wissen, wie sicher sich die Teilnehmenden beim Dating fühlten, ohne näher zu definieren, was mit „sicher“ gemeint war. Bei den Männern wurde Sicherheit dabei vor allem im Sinne zwischenmenschlicher und emotionaler Sicherheit verstanden – also als die Frage, wie wohl und souverän sie sich in einer Dating-Situation fühlten. Körperliche Sicherheit spielte in ihren Antworten dagegen keine Rolle. Bei vielen Frauen tauchte genau diese Ebene ganz selbstverständlich auf. Besonders im Kopf geblieben ist mir eine Teilnehmerin, die auf die Frage zunächst ausgesprochen locker und selbstbewusst antwortete, sie fühle sich sehr sicher. Im selben Atemzug führte sie eine ganze Reihe an Vorsichtsmaßnahmen an, die zu diesem sicheren Gefühl führen: Treffen an öffentlichen Orten, Freund:innen Bescheid geben, Informationen über das Date
weiterleiten, Pfefferspray mitnehmen, den Heimweg im Blick behalten und darauf achten, nicht in Situationen zu geraten, aus denen sie nicht ohne Weiteres wieder herauskommt. Was für sie längst Routine war, war bei keinem der interviewten Männer überhaupt Teil dessen, woran sie bei dem Wort „Sicherheit“ dachten.
Bei Lily kam noch eine weitere Ebene hinzu. Als Schwarze Frau hatte sie wiederholt erlebt, dass ihre Hautfarbe beim Dating nicht einfach ein Merkmal unter vielen blieb, sondern selbst zum Gegenstand der Begegnung wurde. Männer erklärten ihr etwa, normalerweise nicht auf Schwarze Frauen zu stehen, machten bei ihr aber eine Ausnahme. Bei einem anderen Date stellte sich heraus, dass der Mann sie nur deshalb auf Englisch angeschrieben hatte, weil er aufgrund ihrer Hautfarbe angenommen hatte, sie spreche kein Deutsch. Dabei ist Lily hier aufgewachsen. Maria beschrieb eine verwandte, noch explizitere Erfahrung im Zusammenhang mit Fetischisierung. Bei manchen Männern
müsse sie zunächst herausfinden, ob tatsächlich sie als Person gemeint sei oder ob ihre Herkunft Teil einer Fantasie werde. Besonders deutlich wurde das bei einem Mann, der ihr stolz aufzählte, mit Frauen unterschiedlicher Herkunft geschlafen zu haben – und welche ihm auf seiner persönlichen Liste noch „fehlten“.
Wie verbreitet solche Erfahrungen innerhalb bestimmter Gruppen sein können, zeigt auch eine qualitative Studie von Banks und Kolleginnen.4 80 Prozent der von ihnen interviewten Schwarzen Frauen berichteten von Fetischisierung auf Dating-Apps. Die Autorinnen beschreiben sie als eine Form von Objektifizierung und Sexualisierung, die auf körperlichen Merkmalen und stereotypen Vorstellungen von Schwarzer Weiblichkeit beruht. Das Problem dabei ist, dass nicht die Person selbst im Mittelpunkt des Begehrens steht, sondern eine stereotype Vorstellung, die mit ihr verbunden wird. Besonders deutlich wird dies in digitalen Räumen. Einige Teilnehmerinnen beschrieben Fetischisierung als etwas beinahe Ungehemmtes – als ein Interesse, das weniger mit romantischer Zuneigung als mit einer sexualisierten Vorstellung verbunden war. Manche Wünsche, die im eigenen Freundes- oder Familienkreis vermutlich nicht offen ausgesprochen würden, werden auf Dating-Apps offenbar direkter formuliert.
Solche Erfahrungen verschwinden nicht einfach mit dem Ende einer Begegnung. Wenn sie sich wiederholen, verändern sie auch, was in zukünftigen Situationen mitgedacht werden muss. Neues Interesse lässt sich dann nicht immer völlig unbefangen lesen. Neben Fragen wie „Mag ich diese Person?“ oder „Fühle ich mich wohl?“ kann eine weitere hinzukommen: „Interessiert sich dieser Mensch tatsächlich für mich – oder für etwas, das er in mir sieht?“ Bei offen stereotypen oder sexualisierenden Aussagen ist das noch vergleichsweise eindeutig. Schwieriger sind jene Situationen, in denen nichts klar Grenzüberschreitendes passiert und die Unsicherheit trotzdem bleibt. Für manche Menschen läuft beim Kennenlernen dadurch eine zusätzliche Interpretationsarbeit mit, die von außen kaum sichtbar ist, aber erheblich beeinflussen kann, wie leicht und unbeschwert sich eine Begegnung anfühlt.
Offen sein, ohne sich sicher zu fühlen
Kennenlernen funktioniert nicht ganz ohne Risiko. Irgendwann muss jemand etwas tun, dessen Ausgang noch nicht feststeht: Eine Nachricht schicken, Interesse zeigen, nach einem weiteren Treffen fragen, eine Berührung initiieren oder aussprechen, dass einem die andere Person wichtig wird. Nähe entsteht gerade dadurch, dass wir nicht vollkommen kontrollieren können, wie das Gegenüber darauf reagiert. Wer sich nie ein Stück weit verletzlich macht, kann sich zwar vor Zurückweisung schützen – macht es aber gleichzeitig schwer, wirklich in Kontakt zu kommen.
Das Schwierige am Dating ist, dass diese Verletzbarkeit sehr früh verlangt wird. Vertrauen entsteht normalerweise mit der
Zeit. Beim Kennenlernen sollen wir jedoch oft schon offen sein, bevor es dieses Vertrauen überhaupt geben kann. Wir sollen Interesse zeigen, ohne zu wissen, ob es erwidert wird. Wünsche äußern, obwohl wir noch nicht einschätzen können, wie das Gegenüber mit ihnen umgeht. In unserer Befragung gehörten gerade solche Übergänge zu den schwierigsten Situationen: Sowohl der Schritt vom Kennenlernen in Richtung Beziehung als auch das Einleiten körperlicher Nähe wurden als belastend erlebt. Nach einigen enttäuschenden Erfahrungen verändert sich deshalb oft nicht unbedingt der Wunsch nach Nähe, sondern der Umgang mit dem Risiko. Man wartet lieber noch ein wenig mit der Nachricht. Zeigt Interesse etwas vorsichtiger. Erzählt etwas weniger. Versucht, nicht die Person zu sein, die zuerst fragt, was das zwischen beiden eigentlich ist. Solche Zurückhaltung lässt sich leicht als mangelnde Offenheit interpretieren. Sie kann aber ebenso gut eine vernünftige Reaktion auf die Erfahrung sein, dass Offenheit nicht immer aufgefangen wird. Das schützt vor neuer Verletzung, aber erschwert genau jene Offenheit, aus der Nähe entstehen könnte.
Genau hier entsteht eine der widersprüchlichsten Anforderungen des heutigen Kennenlernens: Wir wünschen uns Menschen, die sich zeigen, gleichzeitig lernen viele von uns, dass es sicherer sein kann, sich zunächst ein wenig zurückzuhalten. Nähe braucht Verletzbarkeit, Verletzbarkeit braucht aber zumindest ein Mindestmaß an Sicherheit. Beim Dating soll diese Reihenfolge häufig andersherum funktionieren.
Das Authentizitätsparadoxon
Es gibt einen Ratschlag, der beim Dating beinahe immer auftaucht: Sei einfach du selbst. Kaum etwas wird beim Kennenlernen so selbstverständlich eingefordert wie Authentizität. Wir möchten niemandem begegnen, der eine Maske trägt und eine Rolle spielt. Wir wünschen uns Ehrlichkeit, Offenheit und das Gefühl, einen Menschen so kennenzulernen, wie er oder sie wirklich ist. Zugegebenermaßen der Ratschlag ist nett gemeint und so wirkt er auch im ersten Moment. Gleichzeitig drängt sich doch die Frage auf, was es überhaupt bedeutet, authentisch man selbst zu sein. Und denkt man dann zu viel darüber nach, kann genau das Gegenteil entstehen. Denn sobald „authentisch sein“ zu etwas wird, das wir bewusst richtig machen möchten, beginnt leicht die Selbstbeobachtung. Ein Teil von uns befindet sich in der Begegnung, während ein anderer gleichzeitig beobachtet, wie wir uns in dieser Begegnung verhalten. Ausgerechnet der Wunsch, möglichst unverstellt aufzutreten, kann dadurch zusätzliche Kontrolle erzeugen. Authentizität wird von etwas, das im Kontakt entsteht, zu einer weiteren Leistung, die gelingen soll.
Dabei geht es nicht darum, Unehrlichkeit zur Tugend zu erklären oder Irritationen so lange kleinzureden, bis aus einem mittelmäßigen Date doch noch eine große Liebesgeschichte werden muss. Nur sind diese Irritationen gerade am Anfang oft weniger eindeutig, als sie sich im Moment anfühlen, weil wir einen Menschen zunächst nur in einem kurzen Zeitraum erleben und vieles, was wir wahrnehmen, noch nicht einordnen können. Vielleicht spricht jemand beim ersten Treffen auffallend viel, fällt einem ein paarmal ins Wort und hinterlässt dadurch den Eindruck, ziemlich selbstbezogen zu sein; beim zweiten oder dritten Treffen merkt man dann, dass hinter diesem Redeschwall vor
allem Nervosität steckte und dieselbe Person, sobald sie sich sicherer fühlt, aufmerksam zuhört, sich an kleine Details erinnert und erstaunlich genau wahrnimmt, was man erzählt. Oder jemand macht eine ironische Bemerkung, bei der man im ersten Moment nicht recht weiß, wie sie gemeint war. Weil man weder den Tonfall noch die Art der Person kennt, klingt sie vielleicht arrogant, ein wenig zynisch oder schlicht unpassend. Ein paar Begegnungen später hört man denselben Ton und versteht sofort, dass darin keine Überheblichkeit steckt, sondern ein sehr trockener Humor, dessen Zwischentöne man zuerst schlicht noch nicht lesen konnte.
Gerade darin liegt das Problem früher Eindrücke. Sie sind nicht notwendigerweise falsch, aber sie sind häufig unvollständig. Manche Irritationen bestätigen sich mit der Zeit und werden sogar deutlicher, andere verlieren an Gewicht, sobald mehr Kontext hinzukommt, und wieder andere verschwinden beinahe vollständig, weil sich herausstellt, dass wir eine Momentaufnahme vorschnell für eine stabile Eigenschaft gehalten haben. Authentisch zu reagieren, muss deshalb nicht bedeuten, jedem spontanen Eindruck sofort Ausdruck zu verleihen oder auch innerlich den Status eines endgültigen Urteils zu geben. Man kann etwas irritierend finden und trotzdem neugierig bleiben; man kann einen Zweifel ernst nehmen, ohne bereits zu wissen, ob er morgen noch dieselbe Bedeutung haben wird. Es geht darum, das eigene Gefühl nicht zu leugnen, aber zugleich anzuerkennen, dass ein Gefühl über einen Menschen noch nicht automatisch bedeutet, diesen Menschen bereits verstanden zu haben.
Im Rahmen unseres Forschungsprojekts haben wir für diesen Widerspruch den Begriff Authentizitätsparadoxon verwendet.
Gemeint ist damit, dass wir uns beim Kennenlernen möglichst offen, ehrlich und unverstellt zeigen sollen, während wir gleichzeitig damit rechnen müssen, sehr früh genau dafür bewertet zu werden. Authentizität wird also zu einem Ideal, das unter Bedingungen entstehen soll, die sie zugleich erschweren. Denn wer weiß, dass schon kleine Irritationen, Unsicherheiten oder ein etwas unbeholfener Moment zu einem Urteil über die gesamte Person führen können, zeigt sich womöglich vorsichtiger, kontrollierter und weniger frei, als es mit etwas mehr Sicherheit der Fall wäre.
Wir sollen möglichst schnell wissen, was wir von jemandem halten, obwohl wir gerade erst anfangen, diese Person überhaupt kennenzulernen. Dabei wäre manchmal die ehrlichste Antwort nicht „Das passt“ oder „Das passt nicht“, sondern schlicht: Ich weiß es noch nicht. Und vielleicht ist genau dieses Nichtwissen kein Mangel an Klarheit, sondern eine ziemlich angemessene Reaktion auf einen Menschen, den man noch kaum kennt.
Die Orientierungslast
In vielen Gesellschaften ist das Repertoire möglicher Beziehungen deutlich größer geworden. Ehe ist nicht mehr das selbstverständliche Ziel jeder Partnerschaft, Kinder keine zwingende Station eines Erwachsenenlebens, und neben monogamen Beziehungen sind offene, polyamore oder bewusst unverbindliche Konstellationen zumindest öffentlich sichtbarer geworden. Diese Entwicklung bedeutet zunächst einmal mehr Freiheit. Menschen können Beziehungen stärker entlang eigener Vorstellungen gestalten und Lebensentwürfe wählen, die früher sozial kaum vorstellbar oder erheblich stärker sanktioniert waren.
Gleichzeitig ist mit dieser Freiheit ein Teil jener Selbstverständlichkeit verschwunden, die früher – bei allen problematischen Seiten – bestimmte Erwartungen vorab geregelt hat. Vieles ist möglich, aber gerade deshalb ist weniger eindeutig, was zwei Menschen jeweils voraussetzen.
Besonders bei jüngeren Teilnehmenden unserer Interviews tauchte diese Unsicherheit immer wieder auf. Sie bezog sich weniger darauf, welche Beziehungsformen grundsätzlich legitim sind. Die meisten schienen mit der Vielfalt ziemlich selbstverständlich umzugehen. Schwieriger war die Frage, wann man eigentlich herausfinden soll, welche Vorstellung das Gegenüber hat. Kann ich nach mehreren Dates davon ausgehen, dass wir beide gerade niemand anderen treffen? Muss Exklusivität ausdrücklich vereinbart werden? Wenn wir täglich schreiben, miteinander schlafen und uns regelmäßig sehen, ist das schon eine Art Beziehung – oder einfach Dating? Und an welchem Punkt darf man diese Fragen stellen, ohne damit der Verbindung plötzlich eine Bedeutung zu geben, die sie vielleicht noch gar nicht hat? Mehrere Teilnehmende beschrieben genau diese Unsicherheit darüber, ob Monogamie noch vorausgesetzt werden könne und wie früh solche Erwartungen überhaupt angesprochen werden sollten.
Stellvertretend lässt sich daraus eine Situation zusammensetzen, die im heutigen Dating ziemlich unspektakulär beginnen kann. Zwei Menschen lernen sich kennen und sehen sich immer häufiger. Nach einigen Wochen kennt man die Freund:innen noch nicht, aber bereits die Hälfte der kleinen Alltagsgeschichten. Man weiß, wann die andere Person einen schwierigen Arbeitstag hatte, schickt zwischendurch Fotos, bleibt über Nacht und verabredet sich nicht mehr nur für die nächsten drei Tage,
sondern kauft gemeinsam Tickets für ein Konzert, das erst in drei Wochen ist. Irgendwann sagt eine Freundin beiläufig: „Ihr seid ja jetzt eh zusammen.“ Und plötzlich merkt man, dass man selbst gar nicht genau weiß, ob das stimmt. Vielleicht würde die andere Person die Verbindung ganz anders beschreiben. Vielleicht sagt sie, man „schaut einfach, wie es sich entwickelt“. Vielleicht datet sie weiterhin andere Menschen. Vielleicht hat sie längst aufgehört damit und geht selbstverständlich davon aus, dass beide exklusiv sind. Keine dieser Möglichkeiten muss aus dem bisherigen Verhalten eindeutig abzulesen sein. Gerade das macht die Situation unausgesprochen so schwierig. Zwei Menschen können viel Nähe teilen, ohne dieselbe Vorstellung von deren Bedeutung zu haben.
Von nichts automatisch auszugehen, schützt davor, eigene Erwartungen stillschweigend zur Norm für andere zu machen. Aber konsequent zu Ende gedacht bedeutet es auch, erstaunlich viel explizit verhandeln zu müssen. Exklusivität, Beziehungsabsicht, Kommunikationshäufigkeit, vielleicht irgendwann sogar die Frage, ob man das, was da entsteht, überhaupt „Beziehung“ nennen möchte. All das sind Themen, bei denen es nicht nur verschiedene legitime Antworten gibt, sondern häufig auch unterschiedliche Zeitpunkte, zu denen Menschen überhaupt bereit sind, eine Antwort zu geben.
Genau darin liegt die Schwierigkeit. Man soll Klarheit herstellen, während vieles noch unklar ist. Man soll sagen, was man möchte, obwohl man vielleicht erst herausfinden möchte, was man mit genau diesem Menschen möchte. Und man soll das möglichst früh genug tun, damit keine falschen Erwartungen entstehen, aber nicht so früh, dass ein noch vorsichtiges Kennenlernen plötzlich wie eine Vertragsverhandlung wirkt. Zwischen
diesen beiden Polen gibt es keinen gesellschaftlich festgelegten Termin. Kein Kalender erinnert nach Date Nummer fünf daran, dass heute das Gespräch über Exklusivität fällig wäre.
Die größere Freiheit heutiger Beziehungsgestaltung beseitigt Regeln nicht vollständig. Ein Teil der Regeln wird lediglich privatisiert. Zwei Menschen müssen ihre eigene kleine Ordnung herstellen und dabei oft erst herausfinden, welche Vorstellungen sie selbst aus früheren Beziehungen, Familienbildern oder kulturellen Erwartungen mitgebracht haben. Das kann sehr befreiend sein, weil die Regeln tatsächlich zu den Beteiligten passen können. Es verlangt ihnen aber auch etwas ab, das früher häufiger im Hintergrund mitgeliefert wurde: Orientierung muss aktiv hergestellt werden.
Und genau deshalb ist diese Unsicherheit mehr als ein persönliches Kommunikationsproblem. Wenn gemeinsame Skripte schwächer werden, steigt zwangsläufig die Bedeutung individueller Verständigung. Man kann nicht automatisch wissen, was eine Begegnung bedeutet, nur weil beide dasselbe erlebt haben. Zwei Menschen können sich dieselben zehn Mal getroffen, dieselben Nächte miteinander verbracht und dieselben Nachrichten geschrieben haben – und trotzdem erst beim elften Treffen feststellen, dass sie über die ersten zehn vollkommen unterschiedliche Geschichten erzählt hätten.